2025/08/09

Tanzen mit Robotern im Erdbebenhaus

Elektronische Beats und sanfte Klavierriffs pulsieren unter einer japanischen Roboterstimme. „Ist es verboten, mit dem Glück zu prahlen? Ist es verboten, über Unglück zu jammern?" Die Maschine vor mir, die mir die Musik ins Gesicht dröhnt, sieht allerdings überhaupt nicht wie ein Roboter aus. Eher wie eine überdimensionierte leuchtende Waschmaschine. Mit einem Bildschirm, wo die Tür sein sollte, und blinkenden Knöpfen drumherum. „Wir kämpfen, mit unseren Komplexen als Waffen." Ich haue im Rhythmus der Musik auf die Knöpfe und folge den Pfeilmustern auf dem Bildschirm mit meinen Fingern. maimai zu spielen ist ein fester Bestandteil meiner Alltagsroutine geworden, die Songs haben sich längst in meine Spotify-Playlists geschlichen. Die Konzentration auf Rhythmus und Berührungsmuster versetzt mich in einen meditativen Flow-Zustand. Je länger ich spiele, desto mehr habe ich das Gefühl, mit der Maschine zu verschmelzen, mit ihren blinkenden Lichtern, der Roboterstimme. Mit dem existenziellen Schmerz des Roboters und seiner Unfähigkeit, ehrlich über Gefühle zu sprechen, ohne angeberisch oder selbstmitleidig zu klingen.

Es ist spät in der Nacht und ich stehe im zweiten Stock eines Gaming Centers in einer kleinen Seitengasse in Taipei. Manchmal bebt der Boden hier ein bisschen, weshalb manche Spieler diesen Ort scherzhaft „das Erdbebenhaus" nennen. Das Gebäude – wie viele Gebäude hier – ist alt und sieht etwas verwittert aus. Wie das Set eines Cyberpunk-Films. Nur etwa die Hälfte der LED-Lichter an den Werbeschildern der Gebäudefront funktioniert tatsächlich. Zigarettenstummel liegen um die Greifautomaten im vorderen Bereich verstreut. Ein schwerer, durchsichtiger Plastikvorhang hängt über dem Eingang, um die Hitze draußen von der kühlen Klimaanlagenluft drinnen zu trennen. Nebenan spritzen Essensverkäufer ihre Stände und Geräte mit Wasserschläuchen ab. Noch mehr Lutfeuchtigkeit im ohnehin schon erstickenden taiwanesischen Sommer.

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Es ist fast ein Jahr her, seit ich zum ersten Mal nach Taipei gekommen bin – sechs Monate, seit ich offiziell ausgewandert und hierher gezogen bin. Ich weiß immer noch nicht, was ich sagen soll, wenn Leute fragen, warum ich hier bin. „Zum Studieren? Oder zum Arbeiten?" fragen sie. Und ich fühle mich immer ein bisschen prätentiös, wenn ich antworte: „Zum Leben." Auf dem Papier habe ich hier nichts zu suchen. Ich bin ein freiberuflicher Softwareentwickler aus Deutschland, der mit europäischen Kunden arbeitet. Ich habe hier keine Familie oder Partnerin. Freunde habe ich erst nach meiner Ankunft in diesem Teil der Welt gefunden. Ich spreche nicht mal Chinesisch. Also bin ich wohl hier, weil ich … es hier mag?

Seltsam auf die beste Weise

Als Corona 2020 Deutschland traf, war ich 30 Jahre alt und am Ende einer 10-jährigen Laufbahn als Journalist in Hannover. Ich hatte nie weiter als 30 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt gelebt. Ich hatte die meiste Zeit meiner Zwanziger in Therapie für verschiedene Diagnosen verbracht, was sehr gut für mich funktioniert hatte, und ich war der Meinung, bereits einen weiten Weg gekommen zu sein. Aber mein Leben wurde immer noch größtenteils von Angst dominiert – vor der Außenwelt, meiner Freundin, meinen Freunden, mir selbst. Da war immer noch die tiefsitzende Überzeugung, dass ich das Leben schlicht nicht handhaben konnte, die alltäglichen Dinge, die jeder andere so natürlich zu bewältigen schien. Und während die Leute um mich herum oft von meinem Job und den damit verbundenen Fähigkeiten beeindruckt schienen, fühlte ich mich vor allem unzulänglich und zutiefst unnormal.

In den folgenden fünf Jahren wurde das Leben seltsam, auf die beste Art. Ich beendete meine Arbeit als Journalist und wurde Softwareentwickler. Ich zog allein in den rauhen Teil Berlins. Ich lernte genug Japanisch, um mir ein fortgeschrittenes Sprachzertifikat zu ergaunern. Ich kündigte meinen Mietvertrag, verließ Berlin und reiste zwei Jahre lang ohne feste Homebase. Ich verlor mich in der ostasiatischen Underground-Indierock-Szene. Schließlich wanderte ich offiziell aus Deutschland aus und zog in ein Land, dessen Existenz von den meisten Ländern der Welt nicht einmal offiziell anerkannt wird. Ein Land, das gleichermaßen dafür bekannt ist, von einer chinesischen Invasion bedroht zu sein, wie auch dafür, Bubble Tea erfunden zu haben. Mmh, lecker.

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Wann immer ich mit Leuten über meine Lebensplanung spreche, erzähle ich Teile dieser Geschichte, um zu zeigen, wie absurd ich es finde, Grundannahmen über meine Zukunft anzustellen. Klar, all diese Veränderungen waren aktive Entscheidungen – ich hatte Kontrolle. Aber: Mein 30-jähriges Ich hatte keine Ahnung, dass irgendetwas davon passieren würde. 2020-Ich versteckte sich nur in seinem winzigen WG-Zimmer in Hannover, spielte digitale Kartenspiele und baute alberne kleine Websites. Wie sehr sich das Leben ändern kann, wenn man nur ein bisschen in Chaos vertraut und die eigenen Interessen dorthin fallen lässt, wo sie hin wollen.

Mario Kart: Taipei Edition

Die Roboterstimme der Cyberpunk-Waschmaschine ist nach einer letzten Metapher über das Sitzen in einem Bunker mit der Person, die sie liebt, verstummt. Alle meine Münzen sind aufgebraucht, mein Medium Roasted Oolong Tea Latte ist leer und ich bin schweißdurchnässt. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Es sind keine anderen Spieler mehr auf der Etage, niemand wartet darauf, meine Maschine zu benutzen. Also lasse ich mir Zeit, wickle langsam das Kabel meiner Kopfhörer auf, ziehe meine weißen Baumwollhandschuhe aus, packe alles ordentlich in meine Umhängetasche und gehe zur Fahrradleihstation.

Als ich zum ersten Mal nach Taiwan kam, war Fahrradfahren durch Taipei undenkbar. Aber dank ein bisschen Händchen-Halten von meinen damaligen Mitbewohnern lernte ich es zu lieben. Es fühlt sich für mich oft wie ein Videospiel an, wie „Mario Kart: Taipei Edition". Irgendwie muss ich meinen Weg an den zahlreichen Hindernissen des taiwanesischen Verkehrs vorbei finden. An seltsam positionierten Stromkästen, ungeschickt platzierten Metro-Ausgängen, abrupt endenden Gehwegen, gut versteckten (oder völlig fehlenden) Ampeln, Fußgängern, die ahnungslos in Fahrradwege laufen, unidentifizierbaren Flüssigkeiten, die von Dächern tropfen, und so, so vielen Rollern, die fahren, wohin zum Teufel sie wollen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Es ist nicht so chaotisch, wie es klingt. Es ist mein bei weiten liebstes Fortbewegungsmittel geworden.

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Natürlich gibt es jetzt, um 1 Uhr morgens an einem Wochentag, nicht viel, worauf man aufpassen müsste – abgesehen von der gelegentlichen Kakerlake, die meinem Fuß entgegensprintet, während ich darauf warte, dass die Ampel grün wird. Ich fahre am Longshan-Tempel vorbei, einem wunderschönen historischen Gebäude mitten in Taipeis heruntergekommenstem Viertel, vorbei an Obdachlosen und Sexarbeiterinnen aus Südostasien. Ich fahre am Regierungsviertel mit seinen langen baumgesäumten Straßen, grünen Parks und dem gelegentlichen bewaffneten Soldaten vorbei, der eine unauffällig aussehende Mauer bewacht. Ich fahre am Liberty Square mit seiner umwerfenden, riesigen traditionellen Architektur vorbei. Ich fahre an einer Studierendenkneipe vorbei, wo eine Gruppe von Ausländern und Taiwanesen draußen in der ruhigen Taipeier Nacht Bier trinken. Schließlich erreiche ich den kleinen Nachtmarkt, den ich mein Zuhause nenne, und betrete den winzigen Gang zwischen Essensständen und kleinen Greifautomaten-Läden. Ich öffne die kreischende, riesige Metalltür und sprinte die Treppe hoch zum Komfort der eiskalten Klimaanlage unseres Sharehouse.

Deutschland verlernen

Bevor ich nach Taiwan zog, hatte ich die meiste Zeit meiner Reisen in Japan verbracht. Ich war wahrscheinlich der perfekte Tourist für Japan – sozial ängstlich, der deutschen Negativität überdrüssig und verzweifelt eine Struktur suchend, die ich nicht selbst schaffen musste. Natürlich verfiel ich auch in denselben „Westler entdeckt, dass Japan besser ist"-Rausch, der jetzt alle unsere Timelines überflutet. Aber während die meisten Leute ihre Bewunderung für das Leben in Japan beim verträumten Murmeln der Worte „Ich sollte hier leben" belassen, bevor sie unvermeidlich zu ihrem Alltag zu Hause zurückkehren – sprengte ich meins in die Luft. Es gab nicht viel, was mich davon abhielt, ein Land zu verlassen, in dem ich mich nie wohlgefühlt hatte.

Ich öffnete mich dafür, zu verlernen, wer ich war, und mich bewusst neu zu konstruieren, unter dem Einfluss meiner neuen Umgebungen. Nach 15 Jahren Vegetarismus fing ich wieder an, Fleisch zu essen, um stärker an Kulturen teilzuhaben, die stark nahrungszentriert waren und ein sehr anderes Wertesystem hatten, wenn es um das Thema Tiere essen ging. Während ich als Journalist in Deutschland arbeitete, war mir präzise Sprache extrem wichtig. Deutsch verlangt oft, dass man alles explizit und mit Präzision ausbuchstabiert. Japanisch sprechen und in den zugrundeliegenden Konzepten denken zu lernen, zeigte mir, dass es völlig legitim ist, viele Dinge dem geteilten Kontext zu überlassen, der mit jedem Gespräch kommt. Man muss nicht explizit über Details reden, wenn jeder die Implikationen dessen versteht, was gesagt wird. Obwohl sich meine Weltanschauung schon seit Jahren rapide verändert hatte, beschleunigte diese bewusste kulturelle Immersion alles noch viel stärker als ich es je erlebt hatte.

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Die Ausnahme einer Ausnahme

Doch diese Transformation hatte ihren Preis. Sie gab mir auch das Gefühl, immer mehr zur Ausnahme einer Ausnahme einer Ausnahme zu werden. Mein Leben fing an, sich so anzufühlen, als würde es immer tiefer in seltsames Terrain gehen. Als ich bei einem Deutschland-Besuch mit alten Freunden über mein Leben sprach, konnte ich keine Worte finden, um auch nur die grundlegendsten Verschiebungen in meiner Lebensperspektive zu beschreiben. Sie redeten weiter über Chinas Invasionspläne für Taiwan und Hightech-Toiletten in Japan. Und fragten mich dann, was das Leben für mich in Ostasien so anders macht. Mir fehlte schlicht das Vokabular, um das komplexe emotionale Phänomen zu beschreiben, das ich erlebte – und das Beste, was mir einfiel war: „Die Leute dort benehmen sich nicht die ganze Zeit so griesgrämig."

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass darin auch viel Wahrheit steckt. Aber ich selbst verschmelze auch nicht gerade nahtlos mit meiner neuen Umgebung. In vielerlei Hinsicht bin ich dazu verdammt, für immer ein Außenseiter zu bleiben. Egal, wie gut meine Aussprache auf Japanisch klingt (und hoffentlich eines Tages auch auf Chinesisch), ich werde immer ein weißer, stark tätowierter Ausländer sein, der viel zu groß ist, um nicht aus der Menge herauszustechen und sich nicht den Kopf am Türrahmen zu stoßen. Und egal, wie sehr ich mein Verhalten, meine Manierismen und Gesichtsausdrücke anpasse – es wird immer Dinge geben, bei denen es mir schwer fällt, mich anzupassen, einfach weil ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin.

Manchmal hat mich das unglaublich einsam gemacht. Wie kann ich erwarten, echte Verbindung zu anderen Menschen zu finden, wenn ich so weit in seltsames Terrain abgedriftet bin, dass mir niemand mehr bleibt, der es nachempfinden kann? Noch dazu in einer Umgebung, die so vollkommen anders ist als die, in der ich aufgewachsen bin. Eine Umgebung, in der ich nicht mal die Sprache der Menschen um mich herum richtig spreche. Und es ist ja auch nicht so, als würde ich jünger werden: Wie kann ich erwarten, in so einem Leben jemals eine Partnerin zu finden?

Das Eskapisten-Netzwerk

Als ich am nächsten Morgen aufwache, liegt meine französische Mitbewohnerin bereits auf der Couch. Sie wartet darauf, dass ich aufstehe, damit wir chinesische Omeletts und Chicken Nuggets zum Frühstück holen und Mario Kart spielen können. Sie studiert hier im Ausland und wird bald ausziehen, um durch Ostasien zu reisen, bevor sie nach Europa zurückkehrt. Unsere taiwanesische Mitbewohnerin sitzt am Tisch und lernt für ihre Kurse, um Pilates-Trainerin zu werden. Insgesamt hat dieses Haus Platz für 9 Bewohner. Es liegt in der Nähe von zwei Universitäten, weshalb hier häufig Studenten im Auslandssemester wohnen. Bewohner kommen und gehen ziemlich oft, was die Atmosphäre des Hauses ständig verändert.

Seit ich Europa verlassen habe, habe ich fast ausschließlich in internationalen WGs wie dieser gelebt. Meistens ist es eine Mischung zwischen Ausländern aus aller Welt und Einheimischen, die mit ihnen leben wollen. Und natürlich hört es nicht beim Zusammenwohnen auf – Leute bringen ihre Freunde ins Haus, man geht zusammen essen, trinken, macht allerhand andere Dinge und wächst zu einem unkonventionellen Freundeskreis zusammen. Die Lolita-Fashion-Enthusiastin aus Italien, der Metal-begeisterte Buchhalter aus Argentinien, das japanische Sprachwunderkind, das fließend Chinesisch und Koreanisch spricht, der Gaming-verrückte Grindcore-Sänger aus Großbritannien, der Mathematikdozent aus Südkorea und viele andere Leute schaffen eine ständig expandierende Gemeinschaft unwahrscheinlicher Verbindungen.

Was wir alle zu einem gewissen Grad zu haben scheinen, ist ein Gefühl von Eskapismus. Abgesehen von den Studenten im Auslandsstudium kommen die meisten Expats hierher in der Hoffnung, irgendwo ganz anders ein neues Leben aufzubauen. Oft machen Leute das, weil sie ihr Leben zu Hause nicht mochten oder das Gefühl haben, nicht dorthin zu gehören, wo sie herkommen. Genau wie ich.

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Alles ist erfunden

Das Leben in dieser kontrastreichen Umgebung zeigt mir, dass ich nicht nur falsch liege zu glauben, meine Erfahrungen seien zu seltsam für andere, um sie nachzuvollziehen – sondern auch, dass es überhaupt lächerlich ist, über diese Dinge in Kategorien wie „seltsam" und „normal" zu denken. Dinge sind nur für die Leute seltsam, die mit ihnen nicht vertraut sind. Für meine Freunde und Familie in Deutschland mag es bizarr sein, meine Nächte damit zu verbringen, mit einem deprimierten japanischen Roboter im Erdbebenhaus zu viben – sie wissen nicht mal von der Existenz so eines Konzepts. Aber für die zahllosen Leute, die jeden Tag Gaming Center in ganz Ostasien frequentieren, ist es in jeder Hinsicht sehr normal. Vielleicht sogar ein bisschen langweilig.

Was ich erlebe, ist kein Abstieg ins Seltsame, sondern die Gelegenheit, ein bisschen mehr von der Bandbreite der Menschheit zu erleben als zuvor, bevor ich die Verbindungen zum Leben in Deutschland gekappt habe. Und wenn überhaupt, hat das Kennenlernen verschiedener Farbtöne des Lebens in entlegenen Ecken der Welt das Potenzial, meine Fähigkeit zu Empathie und Verbindung zu verstärken, anstatt sie zu verringern. Das einzig Ungewöhnliche daran ist, dass ich überhaupt die Chance bekomme, dauerhaft diesen Lebensstil zu haben.

Ich kann spüren, wie mich das geduldiger mit der Welt macht. Ich habe angefangen zu verstehen, dass die meisten Dinge, über die sich Leute aufregen – ihre Gewissheiten, ihre Regeln, ihre Annahmen darüber, wie das Leben funktionieren sollte – nur soziale Konventionen sind. Es sind Geschichten, die wir uns selbst und einander erzählen. Sie sind, mangels eines besseren Wortes, erfunden. Was sich in Deutschland wie ein unbrechbares Gesetz anfühlt, existiert in Taiwan vielleicht nicht mal als Konzept.

Diese Erkenntnis ist sowohl beunruhigend als auch befreiend. Wenn so viel von dem, was wir für Realität halten, nur kollektive Vorstellung ist, dann kann ich wählen, welche Teile ich ernst nehme und welche Teile ich verwerfe. Wenn du anfängst, die grundlegendsten Annahmen darüber zu hinterfragen, wie das Leben gelebt werden sollte, dann ist plötzlich alles verhandelbar. Der Druck, meine Entscheidungen und Gefühle den Leuten zu Hause zu erklären, fühlt sich mittlerweile vollkommen optional an – wir operieren eh alle in völlig unterschiedlichen Denkmustern.

Anstatt mich durch diese Dissonanz isoliert zu fühlen, finde ich sie aufregend. Es gibt so viele Wege, Mensch zu sein, die ich nie sehen werde, und die wenigen, denen ich begegnet bin, haben bereits alles für mich verändert. Ein angeblich erleuchteter Expat bin ich deswegen lange nicht – ich bin immer noch genauso ein ahnungsloses Kind, wie ich es immer war. Nur mit weniger Bedarf an elterlicher Aufsicht.

Am nächsten Abend gehe ich zurück ins Erdbebenhaus. Ich versuche immer, erst nach 23 Uhr dort zu sein, um weniger Wartezeit zu haben. Heute habe ich Glück: Es gibt eine freie Maschine in der Mitte zwischen zwei Paaren, die Songs auf maimais höchsten Levels spielen. Sie besitzen fortgeschrittenen Fähigkeiten, von denen ich nur träumen kann. Für sie bin ich unsichtbar. Die Songs, die ich spiele, sind das, was High-Level-Spieler als „Sleeper" betrachten – Songs, die so einfach sind, dass sie die Spieler einschlafen lassen. Und während meine Nicht-Spieler-Freunde vielleicht einigermaßen beeindruckt sind, wenn sie mir bei diesen Songs zusehen, sind es die anderen Spieler hier kein bisschen. Ich bin nur einer von vielen Low-Level-Spielern. Normal. Gewöhnlich. Langweilig sogar.